Die Dinge über Führung, die niemand sehen will
Wie viele Menschen auf der Welt führen wirklich? Ich mein nicht den klassischen Chef. Nicht die Person mit dem Titel oder dem Eckbüro oder der Visitenkarte auf der irgendwas mit "Head of" steht. Ich mein diese eine Person an der sich andere orientieren können, egal was passiert. Die Person die nach dem Warum fragt wenn alle anderen schon beim Wie sind. Die Person bei der du weißt: wenn alles auseinanderfällt, die hält den Laden zusammen. Vielleicht 0,001%. Vielleicht weniger. Und wahrscheinlich würde sich keiner von denen selbst als Leader bezeichnen. Weil die Leute die sich selbst Leader nennen meistens die sind die es am wenigsten sind.
Die Dinge über Führung, die niemand sehen will
Ich bin Vorstandsvorsitzender vom Young Founders Network, dem größten Netzwerk junger Gründer unter 25 in Deutschland. Für mich das krasseste Netzwerk das es gibt. Und ich hab ehrlich gesagt keine Ahnung ob ich führe oder manage oder einfach nur funktioniere. Klar gibt es tausend Bücher über Leadership. Aber kein Buch sagt dir was deine Entscheidungen in echten Menschen auslösen. Kein Buch sagt dir wie es sich anfühlt wenn die Hälfte deines Teams deine letzte Entscheidung für komplett falsch hält und du trotzdem weitermachen musst als wäre nichts passiert. Kann man den Druck mit nem DAX-Manager oder Politiker vergleichen? Wahrscheinlich nicht. Oder doch. Nur anders. Aber Druck ist Druck und der interessiert sich nicht dafür wie groß deine Organisation ist oder wie alt du bist oder ob du einen MBA hast.
Was ich aber mittlerweile verstanden hab: Führung hat nichts mit dem Titel zu tun. Gar nichts. Führung fängt an in dem Moment in dem du merkst dass keiner sonst die Entscheidung treffen wird und du es tust obwohl du nicht bereit bist. Das ist der ganze Trick. Es gibt keinen anderen. Und niemand bereitet dich darauf vor. Nicht die Uni, nicht ein Mentor, nicht ein Buch. Du stehst einfach irgendwann da und merkst: okay, entweder ich mach das jetzt oder es macht keiner.
Entscheidungen mit zu wenig Daten
Der Moment über den niemand redet. Du sitzt vor ner Entscheidung, die Datenlage ist dünn, aber die Entscheidung muss jetzt getroffen werden. Nicht nächste Woche, nicht nach dem nächsten Offsite, nicht wenn alle ihre Meinung abgegeben haben. Jetzt. Also entscheidest du. Aus dem Bauch. Aus nem Gefühl das du nicht erklären kannst weil es kein Spreadsheet dafür gibt.
Paar Stunden später kommen neue Infos. Natürlich. Natürlich hätte man dann anders entschieden. Natürlich sagt jemand "hätte man nicht einfach...?" Ja klar. Hätte man. Wenn man die Infos gehabt hätte. Hatte man aber nicht. Und das ist das was Leute von außen nie sehen. Sie sehen die Entscheidung und die Konsequenz. Aber sie sehen nicht den Moment dazwischen. Diesen Moment in dem du mit unvollständigen Informationen das Beste versuchst was möglich ist. Und dann damit leben musst.
Was Leute auch nicht verstehen die nie in dieser Position waren: es geht nicht darum die richtige Entscheidung zu treffen. Das wäre nice. Aber die richtige Entscheidung gibt es meistens nicht. Es gibt nur weniger falsche. Und manchmal gibt es nur falsche und du musst die am wenigsten falsche wählen. Das steht in keinem Leadership-Buch. Da steht "datenbasiert entscheiden" und "Stakeholder einbeziehen" und "verschiedene Optionen abwägen." Alles richtig. Aber was machst du wenn die Daten nicht reichen, die Stakeholder sich widersprechen und alle Optionen Nachteile haben? Dann entscheidest du trotzdem. Und hoffst dass es reicht.
Die Alternative, Entscheidungen aussitzen wie Merkel, bringt relativ wenig. Es fühlt sich sicherer an. Fühlt sich an wie Strategie, wie Besonnenheit, wie "wir müssen erstmal alle mitnehmen." Ist es aber nicht. Es ist Angst die sich als Strategie verkleidet. Und das Ganze kommt dadurch nicht voran. Es steht einfach still und alle tun so als wäre das ein Plan. Und das Gefährliche: nach ner Weile vergisst man dass man steht. Weil Stillstand sich irgendwann normal anfühlt. Man gewöhnt sich dran. Und dann merkt man erst wie weit man zurückgefallen ist wenn man sich umschaut und sieht dass alle anderen weitergegangen sind.
Das wirklich Kaputte daran: das Anreizsystem belohnt Stillstand. Wenn du nicht entscheidest und es schiefgeht, fällt es kaum auf. Niemand sagt "wir haben es verkackt weil wir nichts gemacht haben." Diesen Satz hört man nie. Aber wenn du entscheidest und es war falsch, bist du sofort schuld. Dein Name steht drauf. Alle erinnern sich. Also warum überhaupt entscheiden? Warum das Risiko eingehen?
Und genau das ist der Grund warum so viele Organisationen irgendwann stehen bleiben. Nicht weil die Menschen drin schlecht sind. Sondern weil irgendwann keiner mehr den Mut hat ne Entscheidung zu treffen die auch schiefgehen könnte. Und dann werden Meetings einberufen um Meetings vorzubereiten und es werden Slides gebaut um Entscheidungen aufzuschieben und es werden Arbeitsgruppen gegründet die Ergebnisse produzieren die niemand liest. Alles Beschäftigung. Alles Illusion von Fortschritt. Aber keine Entscheidung.
Fortschritt ist undankbar
Diese Erwartung ist, dass man Progress liefern muss. Von allen Seiten. Mach was, beweg was, bring Ergebnisse. Die Leute wollen sehen dass es vorangeht. Fair enough. Und dann lieferst du. Und dann passiert was immer passiert: die eine Hälfte findet es komplett scheiße, die andere Hälfte hätte es anders gemacht. Und irgendwo dazwischen steht ne dritte Gruppe die gar nichts gesagt hat aber später behauptet sie hätte es kommen sehen. Die schlimmste Gruppe. Weil du gegen stille Kritik nicht argumentieren kannst. Die existiert nur hinter deinem Rücken und du merkst es erst wenn es zu spät ist.
Natürlich will man verschiedene Perspektiven einbeziehen. Man ist kein Autokrat. Man weiß dass man nicht alles sieht. Und ehrlich gesagt will man auch nicht alles alleine entscheiden, das wäre arrogant und dumm. Aber wenn sich die Perspektiven teilweise komplett widersprechen: Person A sagt schneller, Person B sagt gründlicher, Person C findet den ganzen Ansatz grundsätzlich falsch, Person D hat ne komplett eigene Vision die mit dem Rest nichts zu tun hat und alle haben irgendwie ein Stück recht. dann ist das eben nicht so easy. Es gibt keinen Move der alle happy macht. Es gibt nur den Move den du für den richtigen hältst mit dem Wissen das du gerade hast.
Was mich am meisten überrascht hat: die Leute die am lautesten sagen "hätte man anders machen sollen" sind meistens die die vorher nichts gesagt haben. Die im Meeting still waren. Die den Moment verpasst haben ihre Perspektive einzubringen als es darauf ankam. Und hinterher in der Kleingruppe diskutieren was alles falsch läuft. Und das ist menschlich, klar. Ich will das niemandem vorwerfen. Aber es macht Führung wahnsinnig schwer. Weil du merkst: die ehrliche Debatte findet ohne dich statt. Du bekommst die gefilterte Version. Die höfliche Version. Die Version die Leute für safe genug halten dir zu sagen. Und auf Basis dieser gefilterten Version sollst du Entscheidungen treffen die alle betreffen.
Und das hat ne zweite Ebene die noch schwieriger ist: je höher du in ner Organisation bist, desto weniger ehrliches Feedback bekommst du. Weil Leute Angst haben dir die Wahrheit zu sagen. Oder weil sie denken es bringt nichts. Oder weil sie einfach keinen Bock auf den Konflikt haben. Du lebst also in ner Realität die teilweise konstruiert ist. Die Leute um dich rum zeigen dir ne Version der Wirklichkeit die angenehmer ist als die echte. Und du musst aktiv dagegen arbeiten. Musst Räume schaffen in denen Leute sich trauen ehrlich zu sein. Musst Fragen stellen die weh tun. Musst damit umgehen dass die Antworten noch mehr weh tun. Und dann trotzdem weitermachen.
Einsam aber nicht so wie man denkt
Führung ist einsam. Aber nicht weil man alleine ist. Sondern weil wenige Menschen den Druck kennen dem man ausgesetzt ist. Du sitzt in nem Raum voller Leute, alle schauen dich an, und keiner versteht wirklich was gerade in deinem Kopf passiert. Nicht weil sie dumm sind. Sondern weil sie nicht in deiner Position sind. Sie sehen die Entscheidung. Du siehst die zwanzig Gründe warum jede Option Probleme hat und musst trotzdem eine wählen. Sie sehen das Ergebnis. Du siehst die drei alternativen Ergebnisse die es hätte geben können und fragst dich ob eins davon besser gewesen wäre.
Und du kannst auch nicht einfach sagen "Leute, ich hab keinen Plan." Weil die Menschen die zu dir schauen brauchen jemanden der ne Richtung vorgibt. Die brauchen nicht noch eine Person die unsicher ist. Also trägst du das mit dir. Nicht weil du ein Held bist oder besonders stark. Sondern weil es halt Teil von dem ist was du tust. Und irgendwann merkst du dass du angefangen hast zwischen "der Person die Entscheidungen trifft" und "dir selbst" zu unterscheiden. Dass es ne Version von dir gibt die nach außen funktioniert und ne Version die abends mit den Zweifeln alleine ist. Und du hoffst dass die beiden nicht zu weit auseinanderdriften.
Was ich auch gelernt hab: die Leute die den gleichen Druck tragen reden meistens auch nicht drüber. Wahrscheinlich aus dem gleichen Grund. Und so entsteht diese Blase in der jeder denkt er ist der einzige der so fühlt. Ist er nicht. Aber es fühlt sich so an. Und dieses Gefühl, diese Distanz zwischen dir und den Menschen um dich rum, die geht nicht weg nur weil du drüber redest. Du kannst es erklären und die Leute nicken und sagen sie verstehen es. Aber verstehen und fühlen sind zwei komplett verschiedene Dinge. Wie wenn dir jemand von nem Sturm erzählt den du nie erlebt hast. Du verstehst die Worte. Aber du weißt nicht wie sich der Wind anfühlt.
Es gibt noch ne andere Art von Einsamkeit die damit zusammenhängt. Führung verändert Beziehungen. Sobald du die Person bist die Entscheidungen trifft, bist du nicht mehr einfach der Kumpel oder der Kollege. Du bist die Person die entscheiden kann ob jemandes Idee umgesetzt wird oder nicht. Ob jemand mehr Verantwortung bekommt oder nicht. Ob ne bestimmte Richtung eingeschlagen wird oder nicht. Und das verändert wie Menschen mit dir reden. Subtil meistens. Aber es verändert sich. Und du merkst es. Und es ist komisch. Und du gewöhnst dich nie ganz dran.
Enttäuschung als Konstante
Man wird Leute enttäuschen. Nicht vielleicht. Sicher. Das ist keine Möglichkeit, das ist ne Gewissheit die zum Job gehört.
Maybe kann man das dodgen indem man seine Entscheidungen gut und valide erklärt. Ich glaub aber die Enttäuschung bleibt. nur das Verständnis kommt dazu. Und das ist das Maximum. Nicht Zustimmung. Verständnis. Leute die nachvollziehen können warum du so entschieden hast, es trotzdem anders gemacht hätten, aber damit leben können. Das ist literally das Beste worauf du hoffen kannst. Und wenn du das erreichst, ist das schon gut. Richtig gut sogar.
Dann gibt es die die gar nicht verstehen wollen. Die wollen dass du ihrer Meinung bist. Punkt. Und wenn nicht bist du der Feind. Das ist vielleicht das Härteste an dem ganzen Ding. Nicht die Kritik an sich, Kritik ist okay, Kritik ist wichtig, Kritik macht dich besser wenn du sie annimmst. Sondern wenn Leute nicht mehr unterscheiden zwischen der Entscheidung und dir als Person. Wenn "ich finde die Entscheidung falsch" wird zu "ich finde dich falsch." Das ist ne Grenze die erstaunlich viele Menschen erstaunlich schnell überschreiten. Und es tut jedes Mal weh. Auch wenn du weißt dass es nicht persönlich gemeint ist. Oder vielleicht doch. Keine Ahnung.
Was auch keiner sagt: du enttäuschst nicht nur die Leute die deine Entscheidung scheiße finden. Du enttäuschst auch dich selbst. Regelmäßig. Weil du weißt dass du es hättest besser machen können. Weil du den Moment siehst in dem du hättest anders reagieren sollen. Weil du nachts wach liegst und überlegst ob der andere Weg besser gewesen wäre. Und das sieht auch keiner. Die sehen die Entscheidung, die Konsequenz, das Ergebnis. Aber nicht die Nacht danach.
Warum ich jetzt die Politik verstehe
Mittlerweile verstehe ich warum Politik so ist wie sie ist. Wirklich. Früher dachte ich das ist alles Inkompetenz und Eigeninteresse. Klar gibt es das auch. Aber der eigentliche Grund ist simpler und trauriger: es wird nie ein richtig geben. Nie. Jede Entscheidung erzeugt Gewinner und Verlierer. Egal was du machst, irgendwer findet es falsch. Die Frage ist nur wie viele und wie laut.
Und dann liegt da diese Versuchung: einfach nichts machen. Wenn du nichts machst sind vielleicht 25% sauer. Wenn du was machst sind es alle, nur aus verschiedenen Gründen. Die Mathematik spricht erstmal fürs Nichtstun. Und wenn du dir anschaust wie viele politische Entscheidungen eigentlich Nicht-Entscheidungen sind, Kompromisse die so verwässert sind dass sie nichts mehr ändern, Reformen die so lange verhandelt werden bis sie zahnlos sind, Gesetze die so viele Ausnahmen haben dass sie nichts bewirken, dann siehst du dieses Muster überall.
Nichtstun fühlt sich nicht an wie Scheitern. Es fühlt sich an wie Vorsicht. Wie "erstmal abwarten, erstmal mehr Daten, erstmal alle abholen." Klingt nach Leadership. Klingt verantwortungsvoll. Ist es aber nicht. Es ist Scheitern in Zeitlupe. Und wenn mans merkt ist meistens schon zu viel Zeit vergangen. Und dann braucht man doppelt so viel Energie um das aufzuholen was man verpasst hat. Und diese Energie hat meistens keiner mehr.
Ich glaub das ist auch der Grund warum echte Veränderung so selten von innen kommt. Weil die Leute die drin sind irgendwann gelernt haben dass Handeln bestraft und Nichtstun belohnt wird. Nicht offiziell. Aber de facto. Und dann wundert man sich warum nichts passiert. Warum alles so langsam ist. Warum jede Reform Jahre braucht. Weil das System Leute produziert die gelernt haben dass die sicherste Option ist: nichts tun und hoffen dass jemand anderes entscheidet.
Leadership ist der schwerste Skill
Leadership ist wahrscheinlich der schwerste Skill den man lernen kann. Nicht weil man bestimmte Tools braucht. Sondern weil er so krass flexibel sein muss. Heute brauchst du Empathie. Morgen Härte. Übermorgen beides gleichzeitig. Mal musst du zuhören, mal musst du den Raum durchschneiden und sagen: so machen wir das jetzt. Und du musst in Echtzeit entscheiden was gerade gebraucht wird ohne dass dir jemand sagt was richtig ist. Manchmal liegst du richtig mit deiner Einschätzung. Manchmal komplett daneben. Und den Unterschied merkst du meistens erst hinterher.
Kein Playbook. Kein Framework das immer passt. Keine Blaupause von jemand anderem weil jede Situation anders ist und jeder Mensch anders reagiert. Was bei Person A funktioniert zerstört das Vertrauen von Person B. Was in der einen Situation Stärke zeigt wirkt in der anderen wie Ignoranz. Du navigierst permanent durch Widersprüche und die einzige Konstante bist du selbst. Und manchmal bist du dir selbst auch nicht sicher.
Und ich glaub der Grund warum es so schwer ist ist weil Leadership im Kern bedeutet: du musst okay damit sein falsch zu liegen. Nicht theoretisch. Praktisch. Du musst ne Entscheidung treffen, sehen dass sie falsch war, den Schaden begrenzen, die Verantwortung übernehmen, und morgen die nächste Entscheidung treffen. Ohne dass der Fehler von gestern dich lähmt. Das ist nicht natürlich. Jeder Instinkt sagt: sei vorsichtiger, entscheide weniger, geh kein Risiko ein. Aber genau das ist der Weg in den Stillstand. Der Weg in die Mittelmäßigkeit. Der Weg in diese Organisationen in denen alle beschäftigt sind aber nichts passiert.
Du musst also gleichzeitig aus deinen Fehlern lernen und sie loslassen. Reflektieren ohne zu grübeln. Verantwortung übernehmen ohne dich selbst zu zerstören. Das ist ne Balance die ich ehrlicherweise noch nicht gefunden hab. Vielleicht findet man sie nie. Vielleicht ist das der Punkt: du findest sie nie und machst trotzdem weiter.
Deshalb machen es so wenige. Nicht weil sie es nicht können. Sondern weil der Preis irgendwann zu hoch scheint. Die Einsamkeit. Die Enttäuschung. Die Kritik von allen Seiten. Die Infos die immer zu spät kommen. Die Leute die denken sie hätten es besser gemacht. Das ständige Gefühl nicht zu wissen ob man das Richtige tut. Die Nächte in denen du die Entscheidung vom Tag nochmal durchgehst. Die Beziehungen die sich verändern. Die Version von dir die du nach außen zeigst und die Version die du eigentlich bist.
Aber irgendjemand muss nach dem Warum fragen wenn alle aufgehört haben zu fragen. Irgendjemand muss entscheiden obwohl die Daten nicht reichen. Irgendjemand muss Fortschritt liefern obwohl Fortschritt undankbar ist. Irgendjemand muss die Person sein an der sich andere orientieren auch wenn diese Person selbst keine Ahnung hat ob sie das Richtige tut.
Nicht weil es sich gut anfühlt. Sondern weil Stillstand das Schlechteste ist was passieren kann.